SEBASTIAN BOEHLEN

Sebastian Böhlen gehört zu den großen Nachwuchshoffnungen der deutschen Jazz-Szene.  Als der Wahl-Berliner 2012 sein Debut-Album (damals in Sextett-Besetzung )  vorlegte, feierten Presse und Kritik nicht nur sein virtuoses Saitenspiel, sondern auch seinen kompositorischen Mut. Nach dem 2014 veröffentlichten Album "Miscela"  ist jetzt ein überaus emotionales Konzeptalbum erschienen. Es erzählt die Geschichte eines Menschen, der die Flucht aus seinem Heimatland über das Mittelmeer antritt und dabei kaum vorstellbare physische wie psychische  Qualen erleidet. Dabei hat Böhlen den Widerspruch zwischen dem Albumtitel "Geboren unter diesem weichen Wind"  und dem düsteren Cover-Foto bewusst gewählt. „Diese Diskrepanz beschreibt das Gefühlsspektrum der Stücke auf dem Album, das von  zart und verträumt bis zu Angst, Wut und Verzweiflung reicht.“


Coverfoto und Albumtitel lassen  sofort einen Bezug zur Flüchtlingskrise herstellen. Doch das ist nur EINE von mehreren möglichen Lesarten, stellt Tina Hartmann klar. Mit ihrem Gedicht „Janus – Sunaj“ (Sunaj ist das weibliche Anagramm von Janus, dem Gott der Türen, Schwellen und Eingangsbögen) hat sie die textliche Vorlage für Böhlens Komposition geliefert. Zusammen mit seiner Band und der israelischen Sängerin Efrat Alony hat der Gitarrist Hartmanns Kantatenlibretto vertont und in ein Jazzgewand gekleidet. „Die Idee zu diesem Gedicht entstand im Frühjahr  2013, als die Flüchtenden in Spanien versuchten, die Zäune hochzuklettern, um nach Europa zu gelangen“, erinnert sich Hartmann. Sie betont jedoch ausdrücklich, dass ihr Text auch anders lesbar ist. „Es ist Janus, der in die Vergangenheit und in die Zukunft schaut. Wir sind Rechtsnachfolger des antiken Roms und beuten die Länder Afrikas und Asiens ebenso aus, soweit die Arme reichen“, beschreibt Hartmann die Parallelen zwischen damals und heute. So wie das römische Reich mit seinen Feldzügen Krieg und Leid ins Ausland exportierte, seien es heute die Industrieländer, die - etwa durch Waffenlieferungen - wesentlich zu den Flüchtlingsbewegungen beitrügen.
Der in Ostfriesland aufgewachsene und in Berlin lebende Gitarrist Sebastian Böhlen fand das Projekt gleich aus mehreren Gründen reizvoll. „Während in den Medien ein breiter Diskurs über die Flüchtlingskrise stattfindet, haben sich Künstler, speziell Musiker, bislang vergleichsweise wenig mit diesem Thema auseinandergesetzt“, erklärt Böhlen und betont, dass es nicht darum gehe, den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern darum, einen Appell an die Menschlichkeit  zu richten. „Sollte nicht jeder Mensch in einer Welt leben dürfen, in der er seine Potenziale entfalten kann?“, fragt Böhlen, der seine Vorliebe für Textvertonungen so erklärt: „weil ich Texten mit Musik eine zusätzliche Deutungskomponente verleihen und wesentlich intuitiver ausdrücken kann, welche Emotionen Texte bei mir freisetzen.“
Insofern ist „Geboren unter diesem weichen Wind“ eine knapp 40-minütige musikalische Reise, die dem Publikum Einiges abverlangt. Auf textlicher Ebene, wenn das lyrische Ich (ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, bleibt den Hörenden überlassen) eindringlich und qualvoll von der Vergewaltigung durch seine Verfolger berichtet („In höchster Todesnot“) oder  nach der Ankunft in einem Monolog noch einmal die Wucht der Geschehnisse durchlebt („Durchs sturmgepeitschte Mittelmeer“). Die musikalischen Pole liegen zwischen rauen, mit verzerrter Gitarre intonierten Jazzrock-Klängen („War deine Pforte jemals zu?“) und geradezu zarten, wohlklingenden Passagen („Geboren unter diesem weichen Wind“), in denen sich das lyrische Ich nach strapaziöser Flucht der Träumerei hingibt und trotz des Verlusts eines geliebten Menschen die Welt - zumindest für einen kurzen Moment - etwas versöhnlicher sieht. So interpretiert zumindest Böhlen die entsprechende Textpassage. 
Neben Böhlens technisch versiertem, variantenreichem Gitarrenspiel leben die Stücke vor allem von Efrat Alony. Sie lassen der in Israel geborenen, aber seit langem in Berlin wohnenden Mezzosopranistin ausreichend Raum, um ihr dunkles, warmes Timbre und ihre enorme stimmliche Spannweite zur Geltung zu bringen. 
Ein in jeder Hinsicht stimmungs- und kraftvolles Werk, das auch bei Tina Hartmann bleibenden Eindruck hinterlassen hat. „Für mich war es eine völlig neue Erfahrung, einen eigenen, noch dazu formal so strengen Text im Jazz zu hören. Man sagt ja immer, dass Oper die Kunst der Gefühle ist, doch für meine Begriffe ist Emotion im Jazz noch stärker und noch wichtiger“, so das begeisterte Fazit der Autorin.

  • Discographie Sebastian Böhlen
      Sebastian Boehlen Cover

      Sebastian Böhlen Band featuring Efrat Alony
      "Geboren unter diesem weichen Wind"

      Interpret: Sebastian Böhlen Band feat. Efrat Alony
      Titel: Geboren unter diesem weichen Wind

      Sebastian Böhlen - Gitarre, Komposition
      Efrat Alony - Gesang
      Andreas Böhlen - Saxophon
      Bernhard Meyer - Bass
      Peter Gall - Schlagzeug


      Format: CD, 08 Titel, 38:37 Minuten
      Katalognr / EAN: 3510339.2 / 4011786173396
      VÖ-Datum: 24. Februar 2017
      Titel:
      1 Vorspiel 5:59
      2 Wieder steht die Pforte offen 2:27
      3 War deine Pforte jemals zu? 5:02
      4 In höchster Todesnot 3:33
      5 Durchs sturmgepeitschte Mittelmeer 7:31
      6 Geboren unter diesem weichen Wind 3:01
      7 Ach, dass der Himmel 5:07
      8 Du, mein Anfang und mein Ende 5:52

      Recorded in August 2016 at Studio P4 Berlin by Christian Bader
      Produced by Peter Cronemeyer, 2016
      Mixed and mastered by Christian Bader
      Cover photo © 1996 by Stefanie Barker (USA) Group photos and studio photos © 2016 by Felix Groteloh
      Catalogue number: Laika 3510339.2
      17.- inkl 19 % Mwst. + Versandkosten

      Sebastian Böhlen Quartet

      "Miscela"

      Sebastian Boehlen Cover

      09 Tracks / 41:06 Min./ 2014 / Katalognr : 3510314.2 / VÖ: 28.11.2014
      17.- inkl 19 % Mwst. + Versandkosten


      Sebastian Böhlen - Gitarre, Bariton Gitarre / Stefan Schmid - Tenor- Sopran Saxophon / Jakob Dreyer - Bass / Peter Gall - Schlagzeug


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