Lisa Wulff QUARTETT

Wondrous Strange

Lisa Wulff gehört zu den Hoffnungsträgern der jungen, modernen Jazzgeneration. Mit ihren vielschichtigen, stimmungsvollen Kompositionen bringt die Hamburger Bassistin frischen Wind ins Genre. Musikalische Berührungsängste sind ihr gänzlich fremd. Nach ihrem vielbeachteten Debüt-Album „Encounters“ legt Wulff mit ihrem Quartett nun den Nachfolger „Wondrous Strange“ vor. Darauf zeigt das Ensemble eindrucksvoll, dass es in den vergangenen Monaten zu einer festen Einheit zusammengewachsen ist.

Der ohrenscheinlichste Unterschied zum Debüt-Album: neben ihrem Kontrabass setzt Wulff auf Stücken wie „In my Head“ oder „Far Beyond your Eyes“ einen Sopran Bass ein. Eine viersaitige, elektrische Bassgitarre, die eine Oktave höher gestimmt ist und seiner Spielerin ein deutlich größeres Klangspektrum – zwischen Gitarre und Bass – an die Hand gibt. „Teilweise setze ich einen sogenannten Oktaver ein. Ein Effektgerät, das die Töne doppelt und dadurch ähnlich wie ein Keyboard klingt. Das ist eine große Inspirationsquelle für mich, da es mir nicht nur breitere Ausdrucksmöglichkeiten bietet, sondern mich auch spielerisch fordert. Mit dem Sopran Bass begebe ich mich jedes Mal auf eine Art Entdeckungsgreise“, erklärt Wulff.
Wie ihre Bandkollegen spielt auch sie in diversen Ensembles. 2017 tourte Wulff unter anderem mit Nils Landgren und Wolfgang Haffner und sie nahm ein Album mit Jazz-Legende Rolf Kühn auf. In ihrem Quartett hat sie eigenwillige Musiker versammelt, die es vortrefflich verstehen, ihren Kompositionen die richtigen Farben zu verleihen. An die Rolle als Bandleaderin musste sie sich - vor allem auf der Bühne – dabei erst gewöhnen. „Bassisten machen keine Ansagen, sie werden angesagt, pflegte einer meiner Lehrmeister, Detlev Beier, stets zu sagen“, schmunzelt Wulff. Doch ihre Bandkollegen Adrian Hanack (Tenorsaxofon, Flöte), Martin Terens (Klavier, E-Piano) und Silvan Strauß (Schlagzeug) machten es ihr leicht, in diese Rolle hinein zu wachsen. Zumal sie sich ohnehin mehr als Prima inter pares sieht, was ihre Spielgefährten zu schätzen wissen. „Das lässt eine schöne Rolle als Sideman zu, der weniger die Aufgabe hat, Notenmaterial zu interpretieren, als aus den Improvisationsgrundlagen Neues zu erschaffen“, erläutert Drummer Silvan Strauß und ergänzt: „Lisas Stücke haben viele Winkel und Geheimgänge, die man sich nach und nach erschließt. Dabei lässt sie es uns offen, ihre Stücke zu formen und zu verformen. Das finde ich sehr mutig und funktioniert natürlich nur, wenn man sich blind vertraut.“
Wer sich „Wondrous Strange“ aufmerksam anhört, merkt schnell, dass sich Lisa Wulff in vielen verschiedenen Stilistiken zuhause fühlt und sich virtuos in ihnen ausdrücken kann. „ Ich habe nicht den Anspruch, das musikalische Rad neu zu erfinden. Aber mir ist schon sehr wichtig, dass meine Stücke harmonisch und melodisch interessant sind und dass sich Dinge in ihnen entwickeln“, erläutert Wulff ihre Intention beim Komponieren. Entsprechend groß und vielseitig ist die musikalische Bandbreite auf dem Album. Vom poppigen, groovigen “In my Head“ über das federnd-swingende „Who’s to Be Responsible“, der emotionalen Ballade „From a Donkey’s Point of View“ bis zu „Rumo’s Adventure” – einer musikalischen Collage, in der sich freie Improvisationen und komponierte Passagen abwechseln. Pate für den Songtitel stand Walter Moers mit seinem  Roman „Rumo & die Wunder im Dunkeln“, das von den Abenteuern des Wolpertingers Rumo, einem fabelartigen Wesen, erzählt.
Das Titelstück „Wondrous Strange“ (übersetzt in etwa „wundersam fremd“) bezieht sich dagegen auf die gleichnamige Biografie des kanadischen Pianisten Glenn Gould. „Eine Person, die ebenso wie seine Musik schwer in Worte zu fassen ist und mit der ich mich eng verbunden fühle“, verrät Wulff, die hier ihr musikalisches Bild von Glenn Gould zeichnet – mit einem elegisch anmutenden Auftakt und einem eher klassisch geprägten zweiten Teil.
Der Schlusspunkt eines facettenreichen und in jeder Hinsicht unterhaltsamen Albums ist der Wahl-Hamburgerin Birgid Jansen vorbehalten, die als Gastmusikerin den „Sacred Place“ besingt und vielen Hörenden mit ihrer ausdrucksstarken, souligen Stimme Gänsehautmomente bescheren dürfte. „Dadurch, dass wir uns schon länger kennen, trauen wir uns mehr zu und können unmittelbarer und instinktiver improvisieren. Dadurch rückt die Komplexität der Stücke immer weiter in den Hintergrund“, fasst Silvan Strauß die künstlerische Entwicklung des Quartetts zusammen, das – im Gegensatz zu vielen anderen Projekten in der deutschen Jazzlandschaft - langfristig angelegt ist und somit ein& Versprechen beinhaltet. Nämlich: Fortsetzung folgt!


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