LISA WULFF

Lisa Wulff gehört zu den Hoffnungsträgern der jungen, modernen Jazzgeneration. Mit ihren vielschichtigen, stimmungsvollen Kompositionen bringt die Hamburger Bassistin frischen Wind ins Genre. Musikalische Berührungsängste sind ihr gänzlich fremd. Nach ihren vielbeachteten Alben „Encounters“ und „Wondrous Strange“ legt sie nun „Beneath the surface“ vor, eingespielt mit ihrem Trio und hochkarätigen Gästen.

Einer der Gastmusiker ist Frank Chastenier – einer der gefragtesten und erfahrensten Pianisten, den die deutsche Jazz-Szene derzeit zu bieten hat. Wulff und er hatten sich im Quartett von Rolf Kühn kennen und schätzen gelernt. „Vor einem halben Jahr fragte mich Lisa, ob ich für einige Stücke auf dem Album mitspielen wolle“, erinnert sich Chastenier. Lange überlegen musste er nicht. „Ich habe sofort zugesagt, denn Lisa sprüht nur so vor Spielfreude, die sie gerne mit ihren Mitspielern teilt. Sie sie hat den Kontrabass zu ihrem Alter Ego gemacht“, so Chastenier.

In der Tat – musikalische Berührungsängste sind Wulff fremd. „Ich bin einerseits offen und modern, andererseits aber auch der Tradition verbunden. Das Klangspektrum zu erforschen und meine eigene Handschrift zu entwickeln, sehe ich als meine tägliche Aufgabe“, erklärt die Bassistin. Die Ergebnisse dokumentiert sie nun auf „Beneath the Surface“. Das Album wurde in relaxter Atmosphäre in den Berliner Hansastudios eingespielt. 

Auf ihren Kompositionen beweist sie, dass sie nicht nur eine Virtuosin auf dem Kontrabass, sondern auch auf dem E-Bass ist. Letzteren spielt sie auch mit technischen Effektgeräten wie dem Octaver, der klanglich einem Synthesizer ähnelt. Zu hören in „M.B. Ride“, das im Zusammenspiel mit Keyboarder Yannis Anft mächtig groovig geraten ist. Ein Stück, das Fans der Wiener Tastenlegende Joe Zawinul ein Deja Vu-Erlebnis bescheren dürfte.
Ein weiterer Glücksgriff ist Wulff mit der Harfenistin Miroslava Stareychinska gelungen, die das  Klangspektrum auf „Sleeping Cheese“ und „Behind the Setting Sun" erweitert. „Miro ist eine tolle Musikerin, mit der ich schon im Duo und im Orchester von Nils Landgren zusammengespielt habe. Durch sie erhalten die Stücke einen klassisch anmutenden Charakter, mit dem wir als Band in neue Dimensionen vorstoßen können. In eine Klangwelt, die uns als Band viele kreative Möglichkeiten bietet“, beschreibt Wulff die Qualitäten der Harfenistin. Die dadurch entstehenden Freiheiten wissen auch ihre Bandkollegen zu schätzen. „Es ist auch ihre Demut vor der Musik und ihren Kollegen, die Lisa als Bandleaderin auszeichnet. Sie ist in der Lage, ihren Kompositionen einen sehr persönlichen Anstrich zu geben. Sie komponiert vom Bass aus und gibt der Musik und den Mitmusikern andere Farben an die Hand, ohne sie in ein Korsett zu zwingen. Dies schafft Lust, mit ihr in andere Sphären einzutauchen“, beschreibt Pianist Frank Chastenier die Zusammenarbeit mit Wulff. 

Team- und Interplay sind der Bassistin enorm wichtig – im Studio gleichermaßen wie auf der Bühne. „Oft kommen Leute nach dem Konzert auf mich zu äußern sich erstaunt, dass ich meinen Mitmusikern derart große Spielräume zum Solieren lasse“, schmunzelt Wulff. „Und sie erwarten offenbar auch, dass ich vorne auf der Bühne stehe. Aber tatsächlich stehe ich immer da, wo ich hingehöre. Nämlich hinten, zwischen Klavier und Schlagzeug. Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich noch mehr zu präsentieren“, betont sie.

Mit Adrian Hanack (Saxofon) und Silvan Strauß (Schlagzeug) spielt sie seit mittlerweile sieben Jahren zusammen. In dieser Zeit hat das Trio ein besonderes Vertrauens- und Sicherheitsgefühl entwickelt. Das belegt das Stück „When I Took a Walk“, das moderne mit traditionellen Elementen verbindet. „Adrian und ich spielen das Thema zunächst unisono, biegen danach in unterschiedliche Richtungen ab und entwickeln vor dem erneuten Zusammentreffen eine zweite Stimme. So etwas funktioniert nur, wenn man lange miteinander spielt und sich gegenseitig schätzt. Das begeistert mich besonders am Album – dass es dank der Gäste neue, zusätzliche Farben trägt und gleichzeitig die Weiterentwicklung unseres Trios dokumentiert“, fasst Wulff den Reiz der Produktion zusammen.  Saxofonist Adrian Hanack ergänzt: „Das Schöne ist, dass Lisa und ich uns meistens einig sind, wenn es um das Formen von Melodien und dramaturgischen Bögen geht. Insofern ist das Trio für mich die perfekte Basis, mich einzubringen und gleichzeitig die Herausforderung, zum richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, was sehr spannend ist.“ Beeindruckt zeigte sich Hanack davon, wie leicht sich Gast-Pianist Frank Chastenier in „Beneath the Surface“, „Throw Your Cap over the Mill“ und „Walking Distance“ in die Band einfügte. Allesamt Stücke mit längeren, freien Improvisations-Passagen.
Dass alles auf Anhieb klappte und sich im Studio schnell ein Gefühl der Zusammengehörigkeit ergab, ist aus Sicht von Chastenier ein weiteres Qualitätsmerkmal von Wulffs Kompositionen. „Lisas Musik klingt frisch, jung und neu und trotzdem fühlt man sich sofort in ihr zuhause.“