NICOLAI THÄRICHEN

Hendrixperience Orchestra

Was ist ein Album mit Songs von Jimi Hendrix, das komplett auf E-Gitarren verzichtet? Eine völlig absurde, in jeder Hinsicht zum Scheitern verurteilte Idee? Oder das Mittel der Wahl, um die Songs des wilden, klanggewaltigen Gitarristen aus Seattle angemessen zu würdigen? Für den Berliner Pianisten und Komponisten Nicolai Thärichen auf jeden Fall Letzteres. Mit seinem neunköpfigen „Hendrixperience Orchestra“ geht er der Musik von Jimi Hendrix auf den Grund und lässt dessen Stücke in einem völlig neuen Gewand erklingen. Eben ganz ohne verzerrte Gitarre, dafür mit Cello und drei Bassklarinetten. Die können es – wenn nötig – ebenfalls mächtig rocken und Powerakkorde regnen lassen.
„Als Performer war Jimi Hendrix eine Naturgewalt, sein Sound pure Ekstase. Sein grandioses Gitarrenspiel lenkte allerdings von seinen Qualitäten als Texter und Komponist ab“,  erklärt der Bandleader die Philosophie von „Thärichen’s Hendrixperience Orchestra“, das vor allem den Songwriter Jimi Hendrix feiert. Hymnen wie „Hey Joe“ (Urheber umstritten) oder „All Along the Watchtower“ (Bob Dylan) sucht man auf dem Album daher vergeblich. Stattdessen entschied sich Thärichen für die Interpretation „purer“ Hendrix-Kompositionen, darunter Evergreens wie „Purple Haze“ und „The Wind Cries Mary“, aber auch seltener gehörte Stücke wie die Ballade „Belly Button Window“.
Hendrixperience Live at Jazzfest Leipzig © H. TeichmannEntstanden ist das Projekt 2012 – dem Jahr, in das zwei runde Geburtstage fielen: das 70. Wiegenfest von Jimi Hendrix, sowie der 100. Geburtstag des Arrangeurs und bekennenden Hendrix-Fans Gil Evans. Für die Leipziger Jazztage sollte Thärichen ein Programm entwerfen, das beide Jubiläen miteinander verbindet. Dafür setzte er sich zunächst intensiv mit Vita und Musik des Saiten-Virtuosen auseinander. „Mir war sofort klar, dass ich sein  Werk nur dann angemessen würdigen kann, wenn ich mich möglichst weit von den Originalen entferne und ihren musikalischen Kern - in Bezug auf Jazz - freilege“. Gesagt, getan. Nachdem er hier die Taktart, dort Tempo und/oder Tonart verändert hatte, leuchteten die Songs bereits ganz anders als die Originale.
Als kluger Schachzug erwies sich dabei die Entscheidung, die Arrangements in großer Besetzung einzuspielen - bestehend aus drei (Bass)Klarinetten, Cello, Kontrabass, Schlagzeug, Klavier, sowie Marimba- bzw. Vibraphon. Schnell wurde klar: in Bezug auf Klangvielfalt sind einem solchen Ensemble kaum Grenzen gesetzt. Es kann rockig angelegten Songs wie  „Purple Haze“ und „In From the Storm“ musikalische Durchschlagskraft verleihen, Balladen wie „Little Wing“ filigrane Texturen und schillernde Farben. Einen weiteren Glücksgriff tat Thärichen mit der Sängerin Lea. W. Frey. Ihre enorm wandlungsfähige Stimme verleiht den Arrangements einen ganz eigenen, persönlichen Charakter. Doch was auf dem Album so einfach und selbstverständlich klingt, benötigte eine  akribische Vorbereitung. „Hendrix reichen wenige Worte, um das, was  er erlebt hat, sehr intensiv zu besingen. Diesen Texten musste und durfte ich mich hingeben, mich in ihnen verlieren. So ähnlich wie ein Schauspieler, der in seine Rolle eintaucht“, beschreibt die Berliner Sängerin den künstlerischen Prozess, den sie durchschritt.  
Dass sich Hendrix in einem Interview einmal als „verkannten Songwriter“ bezeichnete, kann Frey nach ihrem intensiven Textstudium gut verstehen. „Er baut starke Bilder und mystische Welten, bleibt dabei aber immer schlicht und dicht bei sich selbst. Wenn er singt, klingt es so, als ob er während des Gitarrespielens eine Geschichte erzählt, die er in diesem Moment erlebt. Das ist alles immer unglaublich stark, gleichzeitig unaufdringlich und lässig bei ihm“, so Frey. Als Paradebeispiel hierfür dient „The Wind Cries Mary“. Ein Stück, dem ein vergleichsweise banales Ereignis vorausging. Als sich Hendrix über die Qualität ihres Essens beschwerte, verließ seine Freundin fluchtartig das Apartment. „Aus einem derart nichtigen Anlass einen so poetischen, vielschichtigen Text zu entwickeln -  das ist große Kunst“, findet Nicolai Thärichen, der in seiner Interpretation mit schillernden Harmoniefolgen eine zweite Ebene unter der Geschichte dieser verloren geglaubten Liebe schafft.
Auch in „Castles Made of Sand“ verbindet er die textliche mit der musikalischen Ebene auf elegante Art, indem er neben den Holzbläsern weiteres „Holz“ erklingen lässt. Durch Kontrabass und Cello etwa, die am Corpus geschlagen werden  und das virtuose Marimbaphon-Solo von Franz Bauer, das Assoziationen an Indianer spielende Kinder weckt, um die es in der zweiten Strophe des Stückes geht.
Zwei Eigenkompositionen runden das kurzweilige Debut von „Thärichen’s Hendrixperience Orchestra“ geschmackvoll ab: das instrumentale „Lord of the Wings“, sowie das stimmungsvolle „Crystals of Snow“, das von den drei legendären Textzeilen inspiriert wurde, die die Gitarren-Ikone offensichtlich kurz vor seinem Tod auf einen Zettel in seinem Londoner Hotelzimmer gekritzelt hatte. Zwei Stücke, mit denen Nicolai Thärichen eindrucksvoll beweist, dass in Sachen Jimi Hendrix längst noch nicht alles erzählt ist – weder musikalisch noch textlich.