MARTIN AUER QUINTETT

Our Kind of Blue

„Kind of Blue“. Sich an die Kompositionen des berühmtesten Albums der Jazzgeschichte heran zu wagen – das kann eigentlich nur schiefgehen. Majestätsbeleidigung? Größenwahn? Könnte man meinen. Andererseits: mehr als 55 Jahre sind seit der legendären Ersteinspielung durch Miles Davis und seine Kollegen vergangen – fast ein Vierteljahrhundert ist der  prägende Trompeter aus St. Louis schon  tot. Warum also dieses Album – das viele Musiker und Kritiker als heiligen Gral des Jazz bezeichnen -  nicht in die musikalische Gegenwart transportieren? Ist doch die Frage, wie Jazzer der neuen Generation diesen Meilenstein hören und interpretieren, hoch spannend.  Und die Antwort des Martin Auer Quintetts überzeugt. Mit „Our Kind of…“ ist ihm nicht nur eine Hommage an ein Meisterwerk der Musikgeschichte gelungen, sondern auch dessen intelligente Bearbeitung. 
„Das Album gehört zum Basiswortschatz eines Jazzmusikers. Dennoch wären wir nie selbst auf die Idee gekommen, unsere eigene Version zu machen“, stellt Bandleader und Trompeter Martin Auer klar. Das hätte er auch nicht nötig gehabt. Immerhin kann der gebürtige Bayer, der mittlerweile in Berlin lebt, auf eine beachtliche Diskografie verweisen. Fünf Alben mit Eigenkompositionen hat sein  Quintett bereits veröffentlicht. Dass das Sechste nun die Adaption eines Klassikers ist, war Zufall.
Rückblende. Jazzfest Leipzig 2011. Anlässlich des 20. Todestags von Miles Davis erhalten Martin  Auer und sein Ensemble vom Veranstalter den Auftrag, eine eigene Version von „Kind of Blue“ zu produzieren. Das Projekt steht unter einem guten Stern. Die Kulturförderung des Bayer-Konzerns wird aufmerksam und lädt die Band  nach Leverkusen ein, um das Projekt vorzustellen. Dort hinterlassen die Musiker einen bleibenden Eindruck. Am Ende steht die Zusage eines potenten Sponsors: BAYER Kultur finanziert die Produktion.  Trotzdem bleiben Zweifel. „Die Gefahr, dass unser Album kritisch aufgenommen wird, ist natürlich groß - unabhängig davon, wie gut es ist“, erinnert sich Auer an anfängliche Bedenken. Doch er und seine Mitstreiter entwickeln ein gutes Credo, mit dem sie sich der Aufgabe stellen. „Wir betrachten unsere Bearbeitung nicht als Konkurrenz zum Original, sondern beleuchten es auf unsere Art, lassen es in einem anderen Licht erstrahlen.“
Das Konzept geht vor allem deshalb auf, weil das Martin Auer Quintett geschickt die Stärken ausspielt, die es seit der Gründung vor annähernd 20 Jahren entwickelt hat. Virtuoses und routiniertes Zusammenspiel bilden die Basis. Hinzu kommen ganz besondere, spezielle musikalische Vorlieben, die jedes einzelne Mitglied ins Kollektiv einbringt. Die Summe der einzelnen Teile macht das Martin Auer Quintett zu einem stilistisch enorm breit aufgestellten Ensemble. Lyrische Melodien, Anleihen aus Neuer Musik, Pop und Freejazz, sowie Odd Meter-Kompositionen und Ostinato-Figuren – alle diese Zutaten fließen zusammen und machen den energetischen Stil des Martin Auer Quintetts aus.
Jeder der fünf Musiker hat ein Stück von „Kind of Blue“ neu arrangiert.  Aus Auers  Feder stammt „Flamenco Sketches“. Äußerst elegant verwebt er sein Trompetenspiel - in einer zweiten Melodielinie - mit dem Saxofonspiel seines Kollegen Florian Trübsbach. Der Opener  „So what“ – im Original von Miles Davis fast aufreizend lässig anmutend – kommt in der Version des Bassisten Andreas Kurz deutlich energiegeladener daher, wozu Schlagzeuger Bastian Jütte mit seinem Schlagzeugsolo wesentlich beiträgt. Und im eingängigen Schlussstück „All Blues“ ist es nicht etwa das allseits bekannte, ruhig gleitende Bläserriff, das im Ohr verfängt, sondern der funkige Groove, den Pianist Jan Eschke mit rhythmischen Klaviertönen aufbaut.
Mit „Our Kind of…“ drücken die Mitglieder des Martin Auer Quintetts aus, welchen Nachklang DAS Album der Jazzgeschichte bei ihnen hinterlassen hat. Sie würdigen den Klassiker, ohne ihn zu kopieren. Das kommt offenbar auch beim Publikum an. „Die ersten Reaktionen waren sehr positiv“, freut sich Martin Auer, wohlwissend, dass es auch Vorteile haben kann, sich berühmtes Ausgangsmaterial vorzunehmen. „Auf Stücke, die die Zuhörer kennen, können sie sich vermutlich schneller einlassen – auch wenn unsere Versionen anders klingen“, so der Wahl-Berliner.