MARTIN WIND QUARTET

feat. Scott Robinson, Bill Mays, Matt Wilson

My Astorian Queen - 25 years on the New York Jazz scene

„There`s a Boat That is Soon Leaving for New York “ heißt es in „Porgy & Bess“. Abgesehen davon, dass Martin Wind den Big Apple nicht mit dem Schiff, sondern mit dem Flieger erreichte – heute vor 25 Jahren als DAAD-Student – sollte sich Manches aus dem Stück der Gershwin-Oper für ihn bewahrheiten. Der Flensburger Bassist hat sich seinen American Dream erfüllt. „Ich lebe ihn bis heute. Im New Yorker Vorort Teaneck – samt Ehefrau, zwei erwachsenen Söhnen, einem Hund und kleinem Garten“, sagt Wind. Tatsächlich gehört er zu den ganz wenigen deutschen Jazzmusikern, die sich auf Dauer als Solist und Arrangeur im Big Apple etablieren konnten.
Sein neues Album „My Astorian Queen“ ist deshalb sein ganz persönliches Dankeschön. „An die Stadt und ihre Bewohner, die es gut mit mir meinten – aber auch an ganz besondere Menschen, die mich ein Vierteljahrhundert begleitet und zu dem geformt haben, der ich heute bin“, sagt Wind. Gemeint sind hier vor allem die Mitglieder seines Quartetts – allesamt Veteranen der New Yorker Jazz-Szene. Der Pianist Bill Mays war von Anfang an beeindruckt von dem klassisch geschulten Kontrabassisten aus Norddeutschland und nahm ihn als Mentor unter seine Fittiche. Über Mays damalige Ehefrau lernte der Bassist zudem Maria kennen. „Die ersten eineinhalb Jahre im Big Apple waren sehr intensiv und lebensverändernd. Das Studium an der NYU, der Einstieg in die Jazzszene, die Heirat mit Maria und die anstehende Geburt unseres ersten Sohnes. Als ich sie kennenlernte, wohnte sie noch in einem kleinen Apartment in Astoria/Queens“ erklärt Wind den Titel den Albumtitel. 

Martin Wind Quartet Live in NY
Bill Mays, Scott Robinson, Martin Wind, Matt Wilson at Deer Head Inn, Pennsylvania, July 4, 2021by Jeff Dunn, Detroit

Der swingende Opener „Mean What You Say“ erzählt von einem magischen Moment, den der Bassist im legendären Village Vanguard erlebte, als er dort einige Jahre nach seiner Ankunft Gelegenheit bekam, im Vanguard Jazz Orchestra auszuhelfen. „Während noch die letzten Besucher ihre Plätze einnahmen, stimmte die Rhythmusgruppe die ersten Töne des Stückes an. Schon beim Einspielen hatte ich gespürt, welche grandiose Akustik dieser kleine, verwinkelte Kellerraum hat. Dort mit einer der besten Bigbands der Welt spielen zu dürfen, war für mich als Flensburger ein überwältigendes Gefühl und definitiv einer DER New York Momente, die ich nie vergessen werde.“
Mit der Ballade “Solitude” holt Martin Wind sein Publikum sogleich in die Gegenwart. Es entstand während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020. Eine Zeit, in der auch in New York viele Konzerte und Tourneen abgesagt wurden. Wind nutzte diese künstlerische Zwangspause, um sich auf seine Lehrtätigkeiten und auf das Komponieren neuer Stücke zu konzentrieren. “Ein Freund hatte mir Fotos von seinem Spaziergang an der Flensburger Förde geschickt. Auch nach all den Jahren in der Ferne gibt es bei mir diese Momente, in denen ich den Flensburg-Blues habe. Wenn die Sehnsucht nach dieser wunderbaren Ostseelandschaft erwacht– und nach Familienmitgliedern und Freunden, die in Norddeutschland gelieben sind.”
Auffällig in dem Stück „Broadway“ ist das Bass-Saxophon von Scott Robinson, den Wind „die Stimme meiner Musik nennt“, weil er nahezu alle Holz- und Blechblasinstrumente spielt. „Sein Musikstudio, das er als sein ‚Laboratorium‘ bezeichnet, ist vollgestellt mit zum Teil sehr ungewöhnlichen Instrumenten, wie dem einem Bassbanjo, einem Theremin und dem seltenen, über zwei Meter großem Kontrabass-Saxofon. Scott ist ein unglaublich spontaner und feiner Musiker, der es schafft, mich nach all den Jahren immer noch zu überraschen und tief zu bewegen.“
Winds dritte wichtige musikalische Bezugsperson ist Drummer Matt Wilson, mit dem ihm blindes Vertrauen verbindet. „Matt hat mich sehr früh in seine Band geholt und mich sofort als gleichberechtigten Partner akzeptiert. Durch ihn habe ich angefangen daran zu glauben, dass ich wirklich nach New York gehöre. Seine Präsenz auf der Bühne ist so befreiend und beflügelnd, dass man das Gefühl hat, mit ihm an der Seite nichts falsch machen zu können.“ Mit „New York, New York“ setzen die Beiden den Schlusspunkt des Albums. Im Vergleich zum Original ist das Arrangement von Martin Wind jedoch deutlich bluesiger und freier geraten. „Matt und ich verwenden gerne den Begriff ‘to go into the sandbox‘. Was so viel bedeutet wie: sich ganz unschuldig in die Sandkiste zu setzen und anzufangen, Dinge zu kreieren und abzuwarten, was passiert. So ist dieser Dialog zwischen Matt und mir entstanden“, erklärt Wind die Adaption des Klassikers.
Und so ist „My Astorian Queen“ zu einem in jeder Hinsicht würdigen, musikalischen Gastgeschenk an die Metropole New York und ihre Community geraten. Mit Kompositionen, die meisterhaft arrangiert und mit zahlreichen Überraschungen garniert sind. „Denn gute Arrangements“ - unterstreicht Wind seine kompositorische Philosophie – „sollten zwar songdienlich, jedoch zu keiner Zeit vorhersehbar sein.“

Martin Wind bei Laika: