MARTIN WIND

Ein lichtdurchfluteter Raum, ganz in weiß gehalten. Mitten drin steht Martin Wind, seinen massigen Kontrabass in den Händen haltend. Auch Wind ist auf dem Coverfoto überwiegend in weiß gekleidet. Nur seine Sneaker und die Sonnenbrille bilden in ihrem Azurton einen markanten Kontrast. Wie kaum ein Anderer versteht es Wind, nicht nur Hinhörer, sondern auch Hingucker zu produzieren – wie er mit seinem neuen Album „Light Blue“ eindrücklich beweist.  Ein Titel, der Raum für Interpretationen lässt. „Einerseits bin ich ein ewiger Optimist, der alles mit der blauen Brille sieht“, sagt der Kontrabassist, der als einer der ganz wenigen Deutschen zum Establishment der New Yorker Jazz-Szene gehört. „Andererseits bin ich sehr sensibel, wenn es um Licht geht. Wenn ich unterwegs bin, möchte ich nach Möglichkeit ein Zimmer mit Aussicht haben. Da kommen vermutlich  meine Wurzeln zum Vorschein, meine heimatliche Verbindung zur  Flensburger Förde, wo ich mit Meerblick aufgewachsen bin.“

Seit mehr als 20 Jahren lebt Martin Wind samt Familie in New Jersey, im Dunstkreis von New York, der Welthauptstadt des Jazz. „Light Blue“ ist für ihn Positionsbestimmung wie Rückschau gleichermaßen. Auf musikalische Freundschaften etwa, die im Laufe dieser Zeit entstanden sind. Mehr als ein halbes Dutzend hochkarätiger, musikalischer Freunde hat Wind für die Produktion ins Studio gebeten, darunter die kanadische Trompeterin Ingrid Jensen, die israelische Klarinettistin Anat Cohen, sowie die Schlagzeuger Matt Wilson (USA)  und Duduka Da Fonseca (Brasilien). Zusammen mit dem Ostsee-Repräsentanten Martin Wind bilden sie eine bunte,  völkerverständigende Einheit, die sich über drei Kontinente spannt.
Sämtliche Kompositionen und Arrangements stammen von Wind, der seinen Spielgefährten jedoch  ausreichend Raum lässt, um solistische Farbtupfer zu setzen. „Ich betrachte meine Songs wie ein Maler seine Gemälde“, erklärt Wind seine Philosophie, wenn es um die Frage geht, wie viel eigene Farbe ein Stück verträgt und wie viel Raum es zum „Atmen“ benötigt. Sein Album besteht aus zwei Hälften und folgt dem Prinzip der Schallplatte mit zwei unterschiedlich klingenden Seiten. Während die rein instrumentalen Stücke der A-Seite („Light“) eher optimistischere Töne anschlagen, dominieren auf der B-Seite („Blue“) die nachdenklichen, melancholischen Momente - stimmungsvoll intoniert von der Sängerin Maucha Adnet. So handelt „Seven Steps to Rio“ (im Samba Groove) vordergründig von generationsübergreifenden Freundschaften, bezieht sich im Titel aber auf DAS brasilianische Trauma - die 1:7-Schlappe der Seleção gegen Deutschland bei der Fußball-WM 2014 im Heimatland. „Eigentlich wollte ich den Song ‚Seven to One‘ nennen, doch dann kam Duduka auf mich zu und bat mich inständig, den Titel zu ändern. Was zeigt, wie tief dieser Stachel noch immer  in der brasilianischen Seele sitzt“, so Wind. Noch „blauer“ vom Charakter her ist die Bossa Nova „A Sad Story“, in der Klarinette und Kontrabass  zu Beginn eine bittersüße Melodie anstimmen, die sich im weiteren Verlauf um Adnets Stimme schlingt.  

Doch es gibt auch heitere, geradezu ausgelassene Momente auf dem Album. Der „10 Minute Song“ etwa, der nicht etwa zehn Minuten lang, sondern innerhalb von zehn Minuten entstanden ist, wie sein Komponist verrät und seinem zweiten Drummer Matt Wilson gewidmet ist. „Nachdem Matt schon eine Tochter hatte, bescherte ihm seine Frau Drillinge. Eines Tages erzählte er mir, dass er 20 Minuten Freizeit hatte, die er genutzt habe, um sich ans Klavier im Keller zu setzen und drei Stücke zu schreiben. Diese Produktivität hat mich unglaublich beeindruckt und inspiriert. Und das ist nun das Ergebnis meiner 10-Minuten-Kompositionsübung“, schmunzelt Wind und ergänzt:  „Der rollende, swingende Charakter dieses Stückes, der vor allem durch das Bass-Saxofon getragen wird, trifft den Charakter von Matt hervorragend,  da er eine wahre Frohnatur ist.“
Die Idee zum rockigen, fast grungig anmutenden „Power Chords“ entstand ebenfalls durch Zufall und wurde von Winds Erfahrungen als Musikdozent inspiriert. „Einige meiner New Yorker Studenten waren sehr ehrlich zu mir, indem sie mir offenbarten, dass sie allenfalls rudimentäre Kenntnisse in Harmonielehre besitzen. Ein Akkord ist für sie in erster Linie diese leere Quinte. Das brachte mich auf die Idee, einen Song zu schreiben, der auf genau dieser Idee basiert.“ Eine kraftvoller Song, auf dem der Kontrabassist Gelegenheit hat, sich in Szene zu setzen. „Ein Glas Rotwein dazu und die Anlage ruhig mal etwas lauter drehen, bis es leicht vibriert“, lautet sein Hör-Tipp dazu.

Es sind diese Momente, die „Light Blue“ zu einem ungewöhnlich vielseitigen Album machen. Die Rolle des Bandleaders liegt dem Schlacks vor der Flensburger  Förde, der auszog, um in New York sein musikalisches Glück zu suchen - und zu finden. Mit dem Album hat er sich zugleich ein vorgezogenes Geschenk gemacht, denn Ende April feiert er seinen 50. Geburtstag.

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